Kinderbücher von Julia Volmert
Kinderbücher von Julia Volmert

Hier kannst du einen Auszug aus folgendem Taschenbuch lesen:

Gefahr für Mirabell
Taschenbuch
ISBN: 978-3-86559-046-6

7,95 €
  
Autorin: Julia Volmert
Lesealter: 8 - 10 J.
12 x 19 cm
128 Seiten
Neue Rechtschreibung
Originalausgabe

Leseprobe:

Mirabell

Die nächsten Wochen vergingen wie im Flug. Mias Eltern fuhren nun beinahe täglich in irgendwelche Baumärkte, Fliesengeschäfte und zu ihrem neuen Haus im Ginsterweg. Es gab so vieles mit den Handwerkern zu besprechen. Ob die Fenster mit Sprossen oder ohne sein sollten. Ob die Kacheln im Bad grau mit weißem Muster oder weiß mit grauem Muster und grünem Schmuckband sein sollten. Naturholztüren oder weiße mit Fenster? Teppich oder Parkett? Alexa und Frieder konnten stundenlang über diese weltbewegenden Dinge streiten.
Mia fand das alles furchtbar uninteressant. Sie freute sich nur aus einem Grund auf den Umzug.
Ein eigenes Pferd würde sie bestimmt nicht bekommen. Und falls dieses Wunder doch eintreten sollte (wenn Frieder im Lotto gewann oder so), müsste sie das Pferd auf jeden Fall mit Felix und Sonja teilen. Wie alles. Denn Alexa und Frieder wollten immer, dass alles geteilt wurde. Aber in ihrem neuen Zimmer würde sie stundenlang aus dem Fenster sehen und sich vorstellen, das schwarze Pony wäre ihr eigenes. Ganz allein für Mia Fischer. Kein kleiner Bruder würde sie in ihren Träumereien stören.
Sie konnte sich Namen für das Pony überlegen. Rabenschwinge, zum Beispiel. Weil es so schwarz war. Oder Sternenauge.
Mia war einige Male abends mit in das Haus am Ginsterweg gefahren und hatte neugierig aus dem Fenster ihres neuen Zimmers gesehen. Das Pony war aber nicht mehr da. Ob es nachts im Stall war? Oder auf einer anderen Wiese? Oder war es verkauft worden?
Hoffentlich hatte sie jetzt nicht umsonst mit Felix das Zimmer getauscht!

An einem Samstag kurz vor den Osterferien ging sie mit Timmi in den Reitstall und sah sich die Reitstunde an. Wie gut ihre Freundin mittlerweile reiten konnte! Die elf Schulpferde galoppierten im Kreis. Timmi durfte heute an der Spitze - hier hieß das Tete - reiten. Die Stunde ging zu Ende. Da die meisten Pferde in der darauf folgenden Stunde von anderen Reitschülern geritten wurden, brauchten die Pferde nach dem Reiten nicht versorgt zu werden.
Mia hatte sich mit Timmi vor Mirabells Stall verabredet. Es würde eine Weile dauern, bis Timmi bezahlt und sich für den Unterricht am folgenden Samstag hatte vormerken lassen.
Mia lief in den Stall, in dem Mirabell untergebracht war.
Die Schulpferde waren in einem düsteren Anbau neben der Reithalle in einer Reihe, nur durch Stangen getrennt, an der Wand angebunden. „Ständer“ nannte die Reitlehrerin diese Unterbringung. Mia taten die Pferde Leid. Wenn sie nicht in der Halle im Kreis laufen mussten, waren sie dicht an dicht angebunden und starrten die Wand an. Ob sie jemals auf die Weide durften? Mia bezweifelte das.
Die Privatpferde dagegen standen in einem hellen, großzügigen Stallgebäude gegenüber der Reithalle. Jedes Pferd hatte eine große, sauber eingestreute Box für sich allein. An den Boxentüren waren Schilder mit Namen angebracht. An manchen Boxen hingen Rosetten, die diese Pferde auf Turnieren gewonnen hatten. Hinter dem Stall gab es einen Kiesplatz und große Weiden, auf denen die Tiere herumlaufen durften, wenn es das Wetter und ihre Besitzer erlaubten.
„ZUTRITT FÜR UNBEFUGTE VERBOTEN“ stand auf einem Schild an der Außentür. „Befugt“ waren nur Pferde-besitzer und die Mädchen, die eines der Privatpferde pflegen durften. Mia öffnete die Tür und trat ein. Ihr war ein bisschen mulmig zu Mute. Sie war noch nie hier gewesen und Irene hatte sie bisher noch nicht kennen gelernt. Vielleicht hätte sie besser auf ihre Freundin warten sollen?
Sie fand die Box von Mirabell sofort, es war die dritte auf der rechten Seite. An ihrer Tür hingen weder Türschild noch Siegerrosetten, denn sie war ja noch nicht lange in diesem Stall zu Hause. Ihr Name war mit Kreide an der Box vermerkt. Mirabell war ein wunderschönes Pferd. Mittelgroß, ein „Fuchs“, mit einer langen, seidigen Mähne und leuchtend rotem Fell, auf dem kleine Lichtpunkte tanzten, wenn sie sich bewegte. Mitten auf der Stirn hatte sie einen runden, weißen Fleck und ein winziges weißes Dreieck auf ihrer samtweichen Nase.
Mia stellte sich vor die Box und wartete. Mirabell betrachtete sie neugierig und stupste sie mit der Schnauze an. Sie streichelte vorsichtig über die großen Nüstern. Die feinen Tasthaare am Maul des Pferdes zitterten, als es Mias Geruch prüfte. Offenbar hatte dieses fremde Mädchen keine Pferdeleckerlis dabei und war damit nicht mehr interessant. Mirabell zog ihren Kopf zurück und wendete sich der Heuraufe zu.
Es gab zwar größere Pferde als Mirabell, aber Mia kam sie riesig vor. Sie bewunderte Timmi, die so selbstverständlich mit den größten Pferden umging.
Mia war so in Gedanken versunken, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie jemand den Stall betrat.
„He - was hast du hier zu suchen? Oder hast du ein Pflegepferd?“
Eine junge Frau stand vor ihr. Das konnte nur Irene sein. Sie sah wirklich gut aus. Schlank, die langen, blonden Locken zu einem Schwanz frisiert. Die schneeweiße Bluse ließ ihre gebräunte Haut noch brauner wirken. Eine hautenge, cremefarbene Reithose, grüne Steppweste und eine Goldkette vervollständigten ihre Aufmachung. Ach ja, und die Reitgerte nicht zu vergessen, mit der sie im Moment auf Mia zeigte. 

 

Ende der Leseprobe

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